Die Projekte

SPP 2143:  Entangled Africa: Innerafrikanische Beziehungen zwischen Regenwald und Mittelmeer (ca. 6000 bis 500 Jahre vor heute)

 

Prähistorische Beile in der Sahara: eine vernachlässigte Fundgattung. Haches à gorges, necked axes, Darfurbeile – zur Einordnung einer speziellen Form. (Antragstellerin Jesse, Friederike )

1924 beschreibt D. Newbold erstmals eine bei seinen Reisen in die libysche Wüste aufgefundene sehr charakteristische Beilform und bezeichnet die von einer breiten Schäftungsrille und einem sich daran anschließenden knauf- oder pilzförmigen Nacken geprägten Steinbeile als „necked axes“ oder, nach ihrem Verbreitungsgebiet, „Libyan axes“. Ähnliche Beilformen werden bald auch aus anderen Fundorten der zentralen Sahara und Westafrika bekannt, hier unter dem Namen „hache à gorge“. In der südlichen Libyschen Wüste werden derartige Beile als Beile vom Typ Darfur oder Darfurbeile bezeichnet und sind auf Fundplätzen des 4. und 3. Jt. v. Chr. belegt. Im Wadi Howar, Sudan, sind Darfurbeile vielfach mit dem Keramiktyp “Leiterband” verknüpft. Aber bereits etwa 400 km nördlich in der Laqiya-Region ist dies schon nicht mehr der Fall: Hier sind zwar Beile vom Typ Darfur beschrieben, aber in Verbindung mit ganz anderen Keramikmustern. Derartige Beile sind auch aus weiter westlich gelegenen Gebieten bekannt, unter anderem aus Tschad, Niger und Mali, und auch hier jeweils mit unterschiedlichen kulturellen Entitäten verknüpft. Eine generelle Zuordnung in das 5. bis 3. Jt. BC zeichnet sich ab. Dies ist die Zeit pastoraler Gruppen mit einem besonderen Fokus auf Rinderpastoralismus. Die früh notierte weite Verbreitung derartiger Beile von Westafrika bis zum Niltal, hat dazu geführt, dass diese rasch Gegenstand unterschiedlichster Theorien zu Kulturverbindungen zwischen West und Ost, aber auch Nord und Süd wurden.Eine umfassende Untersuchung dieses markanten Beiltyps fand allerdings noch nicht statt. Dies soll nun im Rahmen des Projekts geleistet werden. Zunächst soll ein Katalog der bislang bekannten Beile erstellt werden. Hierzu werden, teils durch Literaturrecherche, teils durch eigenständige Materialaufnahme (z.B. in der Forschungsstelle Afrika, Köln; im Nationalmuseum Khartum und im Musée de l’Homme Paris) die bislang bekannten Beile vom Typ Darfur erfasst und beschrieben (z.B. Form, Größe, Rohmaterial, Herstellungs- und Gebrauchspuren). An ausgewählten Stücken sind umfassendere mineralogische Untersuchungen geplant. Auf dieser Basis wird eine Typologie der Beile erarbeitet. Abschließend soll anhand der gewonnen Erkenntnisse auch die Funktion dieser speziellen Beilform diskutiert werden: Handelt es sich um Gegenstände des täglichen Gebrauchs oder eher um solche mit symbolischem oder kultischem Wert? Angesichts der weiten Verbreitung des Beiltyps quer durch die Sahara liegen auch weitere Fragen nahe: Wurden die Stücke lokal hergestellt oder verhandelt bzw. getauscht? Welche Netzwerke (auch zwischen den verschiedenen kulturellen Entitäten) lassen sich möglicherweise erkennen? Die Ergebnisse sollen unter anderem in Form einer Datenbank über das African Archaeology Archive Cologne (AAArC) online zugänglich gemacht werden.

 

 

Connecting Foodways: Kulturelle Verflechtung und Technologietransfer zwischen dem Mittleren Niltal und dem mittleren und östlichen Afrika während der frühen Eisenzeit (Antragstellerin Wolf, Simone )

Mit der Erforschung von antiken Ernährungsgewohnheiten ist ein hervorragender Beitrag zum Verständnis eines Entangled Africa’s zu erwarten. Mit Hilfe von kürzlich entdeckten Küchenkontexten in der Meroe Region, Sudan, lassen sich eine Reihe von Utensilien identifizieren, die während der frühen Eisenzeit (ca. 1000 v. Chr. – 1000 n. Chr.) mit der Verarbeitung und dem Verzehr von Nahrungsmitteln in Zusammenhang stehen. Unser multidisziplinärer Ansatz wird sich auf die funktionalen Merkmale von Artefakten aus entsprechenden Kontexten konzentrieren und sich dabei auf eine breite Palette von naturwissenschaftlichen Analysen stützen. Diese detaillierten Untersuchungen werden ein erster Schritt hin zu einem Modell regionaler Ess- und Kochtradition sein. Aufbauend auf der Fallstudie im Raum Meroe wird im nächsten Schritt ein interkultureller Vergleich zwischen verschiedenen Fundplätzen im mittleren und östlichen Afrika durchgeführt, zum Beispiel mit Eritrea, Äthiopien und Tschad. Dabei werden sowohl Grabungsfunde, als auch Archiv- und Museumsbestände sowie veröffentlichte Quellen herangezogen. Auf diese Weise werden archäologische Hinterlassenschaften von Nahrungszubereitung zu Indikatoren für Wechselbeziehungen im Untersuchungsgebiet, die gleichzeitig gemeinsame afrikanische Traditionen der Lebensmittelverarbeitung erkennen lassen.

 

 

Interregionale Kontakte in Nordkordofan (Antragstellerin Lohwasser, Angelika )

Die Beziehungen zwischen den antiken und mittelalterlichen Kulturen des nubischen Niltals und den zeitgleichen, vor allem eisenverarbeitenden Kulturen des Tschadbeckens und der übrigen Sahel-Region ist seit längerem Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Ein neues Licht auf die Einbindung der Kulturen des Nubischen Niltals in eine in Ost-West-Richtung verlaufende Kontaktzone werfen Entdeckungen, die in den Jahren 2011 und 2017 durch die geplante Felddirektorin Jana Eger gemacht worden sind. Im Bereich des Tafelbergs Jebel al-Ain an der Grenze von Nord-Kordofan wurden ein christliches Zentrum, wahrscheinlich ein Klosterkomplex, sowie mehrere weitere archäologische Stätten identifiziert, deren Struktur eine enge Beziehung dieser über 250 km vom Nil entfernte Kulturlandschaft mit den Niltalkulturen nahe legt. Das hier vorgestellte Forschungsprojekt soll die durch diese Entdeckungen aufgeworfenen Fragen hinsichtlich der Rolle Nord-Kordofans als kulturhistorische Kontaktzone klären – sowohl in kleinräumiger Hinsicht (Verbindung der Jebel al-Ain-Region zum Niltal sowie den alt-kordofanischen Kulturen mit dem Zentrum Zankor), als auch bezüglicher größerer Räume (die Rolle Nord-Kordofans als Kontaktzone zwischen den Niltalkulturen und den Kulturen des Sahelgürtels, insbesondere des Tschadbeckens). Fragen dazu sind:• Wo innerhalb der Region befinden sich ökologische Gunsträume, die Kern- und Kristallisationspunkte historischer Kulturentwicklung dargestellt haben könnten?• In welchem Verhältnis standen (eher lineare) Makrokommunikation und (eher netzwerkorientierte) Mikrokommunikation zu einander? Konkret, lassen sich anhand der Zeugnisse verschiedener Wegeführungen Langstreckenverkehr, z.B. Karawanenhandel, und Kurzstreckenverkehr, z.B. im Rahmen pastoral-transhumanter Wirtschaftskonzepte, voneinander differenzieren?• Welche Rolle spielte die Makrokommunikation durch diese Region für den überregionalen Technologietransfer? Exemplarisch könnte hierbei die Fragestellung der wechselseitigen Beeinflussung oder aber unabhängigen Entwicklung der Eisenverhüttungstechnologie in der meroitischen und der westafrikanischen bzw. Tschadbecken-Kulturen untersucht werden.• Inwieweit spiegeln kulturelle Verbindungen zum Niltal, insbesondere im Bereich des Jebel al-Ain, auch eine politisch-administrative Durchdringung dieses peripheren Raumes durch die staatlich organisierten Strukturen des Niltals wider? Hier kann die Untersuchung von wasserbaulichen Anlagen westlich des Jebel al-Ain, die enge Parallelen im meroitischen Kernland aufweisen und deren dortige Rolle als Elemente zentralstaatlicher Kontrolle über periphere Räume kontrovers diskutiert wird, Aufschlüsse ermöglichen. Eine nähere Untersuchung des am Jebel al-Ain liegenden christlichen Komplexes verspricht Erkenntnisse über den direkten Einfluss Makurias auf diesen Abschnitt des Sahara-Randbereichs.

 

 

Die Tschadseeregion als Wegekreuz: Erste Untersuchungen zu Archäologie und mündlichen Überlieferungen des frühen Kanem-Borno Reichs und dessen innerafrikanischen Verbindungen (Antragsteller Magnavita, Carlos )

Die Tschadseeregion war ein Wegekreuz von besonderer Bedeutung für die historischen, kulturellen und ökonomischen Entwicklungen im mittelalterlichen und nachmittelalterlichen Afrika. Die Region stellte einst (8.-19. Jh. AD) das Kerngebiet des Kanem-Borno Reichs dar, welches neben anderen Dingen vornehmlich für seine transsaharischen Verbindungen mit Nordafrika bekannt war. Diesem Forschungsantrag liegt die Arbeitshypothese zugrunde, dass jenes Gebiet im Mittelalter über seine bekannten nordafrikanischen Beziehungen hinaus noch für eine weitere innerafrikanische Handels- und Kommunikationsachse eine Schlüsselposition einnahm: die bis heute undokumentierte Ost-West Verbindung entlang des Savannengürtels zwischen dem Mittleren Niltal und Westafrika. Um dieser Frage nachzugehen, beabsichtigen die Antragsteller, die ersten Forschungen in Bezug auf die Archäologie und mündlich tradierte Geschichte von Fundstellen mit mittelalterlichen Backsteinbauten – einer von außen nach Zentral- und Westafrika eingebrachten Bautradition und -technologie – der herrschenden Elite von Kanem-Borno aus der Zeit vor 1400 AD vorzunehmen. Hauptziel der hier beantragten ersten Projektphase ist die Durchführung empirischer Grundlagenforschung zu jenen Fundstellen, um verlässliche Informationen zu erhalten, die möglicherweise auf Zeitpunkt und Richtung der auf die Region eintreffenden Fremdeinflüsse schließen lassen. Diese Daten werden letztlich als Ausgangspunkt für erste vergleichende Untersuchungen dienen, was im Rahmen einer eventuellen zweiten Projektphase zu systematischen überregionalen Studien zu anderen afrikanischen Regionen einschließlich des Mittleren Niltals sowie Nord- und Westafrikas ausgebaut werden soll. Mitten im Zentrum des durch das SPP 2143 – Entangled Africa festgelegten geografischen Rahmens gelegen stellt das Projekt einen wichtigen geografischen als auch thematischen Schnittpunkt zu mehreren anderen Projektvorhaben mit Zeitklammer 5. bis 15. Jahrhundert AD dar. Insgesamt gehen wir davon aus, dass “Die Tschadseeregion als Wegekreuz” beispiellose und objektive Informationen über die frühen historischen Verbindungen von Kanem-Borno liefern und somit zu einem umfassenderen Verständnis der verstrickten Vergangenheit Afrikas im Mittelalter beitragen wird.

 

 

Kultivierte Landschaften – Landnutzung und Kulturlandschaftsentwicklung im nordhemisphärischen Afrika (Antragstellerin Höhn, Alexa )

Entstehung, Verbreitung und Entwicklung der Kulturlandschaften in westafrikanischen Savannen stehen im Fokus von “Cultivated Landscapes”. Ziel ist es ein Modell zu entwickeln, das die Beziehungen aufzeigt zwischen Kulturlandschaftsentwicklung, Umweltbedingungen und Landnutzungspraktiken, und den damit verbundenen sozialen Prozessen, wie die Übernahme bestimmter Lebensweisen und Innovationen. Anhand archäologischer Holzkohlen aus Fundplätzen in Schlüsselregionen der archäologischen Forschung, wird das Projekt die Mensch-Umwelt–Beziehungen für die Zeit zwischen 1000 v.Chr. und 1500 n.Chr. untersuchen. Verschiedene Hypothesen werden getestet: (1) Kulturlandschaften entstehen mit dem Beginn der sesshaften Lebensweise, (2) Entwicklungslinien der Kulturlandschaftsentwicklung unterscheiden sich in Abhängigkeit von sozio-ökonomischen Bedingungen und (3) in Abhängigkeit von der Umwelt; und (4) die verschiedenen Entwicklungslinien der Landnutzung führen zu einem Mosaik verschiedener Kulturlandschaften in Zeit und Raum. Absichtlich gelegte Brände, Pastoralismus und schließlich der Anbau von Kulturpflanzen formten die afrikanischen Savannen zu Kulturlandschaften. Untersuchungen zu ihrer Geschichte, insbesondere zur Bedeutung der Landnutzungspraktiken für die Gehölzvegetation, als eine Schlüsselkomponente der Landschaft, sind bisher kaum vorhanden. Lediglich für den Sahel von Burkina Faso gibt es ein Modell der Kulturlandschaftsentwicklung: Untersuchungen archäologischer Holzkohlen im Rahmen eines interdisziplinären Projekts zeigten, dass im Verlauf des 1. Jahrtausends n.Chr., mit der zunehmenden Intensivierung der Landwirtschaft, Brachzeiten verringert wurden und dass in der Gehölzvegetation der Anteil an Laubfutterpflanzen mit zunehmenden Bedeutung von Vieh ebenfalls stieg. “Cultivated Landscapes” will die Entwicklungen nun überregional betrachten. Innerhalb von “Entangled Africa” hat das Projekt in zweifacher Hinsicht Bedeutung, denn Menschen agieren innerhalb der Landschaft, wirken aber auch auf sie ein: So ist Landschaft zum einen Bühne für die Vernetzungen zwischen den Menschen, die in diesem Raum (inter-)agieren, zum anderen ist die Landschaft aber auch verwoben mit Aktivitäten dieser Akteure, die auf die Landschaft zurückwirken. Das Projekt ist deswegen einerseits angewiesen auf die Arbeiten anderer Projekten des SPP „Entangled Africa“ und kann andererseits zu deren Erkenntnisgewinn beitragen. Informationen zu sozio-ökonomischen Systemen und zu Verbindungen verschiedener Gruppen und Regionen helfen Muster der Kulturlandschaftsentwicklung und -ausbreitung zu erkennen. Andererseits liefert das Projekt Daten zu Umwelt und dem menschlichen Einfluss auf die Vegetation.

 

 

‘De-Greening’ – Aridisierung der zentralen Sahara: Holozäne Umweltdynamik im Tibesti Gebirge und dem Ounianga Becken, Tschad (DeGree) (Antragsteller Hoelzmann, Philipp )

Gegenwärtig teilt die Sahara als größte Trockenwüste der Welt das nördliche Afrika. Im frühen und mittleren Holozän hingegen wurden Vernetzungen durch eine ‚Grüne‘ Sahara erleichtert. Der begleitende paläoökologische Wandel impliziert Veränderung von Ressourcen und wirkt sich dadurch auch auf Subsistenz-Strategien aus. Damit sind Umweltveränderungen im Hinblick auf inner-afrikanische Beziehungen und Gesellschaft zwischen Regenwald und Mittelmeerraum während der letzten 6000 Jahre von größter Relevanz, sowohl als limitierender als auch innovativer Faktor. Wegen seiner zentralen, innerkontinentalen Lage sowie der Vielfalt an Habitaten kommt dem Tibesti Gebirge und seinem Vorland eine paläoökologische Schlüsselposition während der Aridisierung der zentralen Sahara zu. Unser Projekt konzentriert sich daher auf zwei ökologisch miteinander verbundene, aber räumlich unterschiedliche Regionen der zentralen Sahara: Dem Hochgebirge des Tibesti und dem ca. 200 km östlich vorgelagerten Ounianga-Becken mit seinen Oasen. Aus beiden Regionen liegen kontinuierliche Sediment-Sequenzen vor, die eine zeitlich hoch aufgelöste Rekonstruktion ökologischer Umbrüche erlauben und damit die Zusammenhänge zwischen Umweltänderungen und kulturellen Entwicklungen erfassen lassen. Pollenanalytische und sedimentologisch-geochemische Untersuchungen an den geschichteten Sedimenten des permanenten Grundwassersees Lake Yoa (Ounianga Becken) sowie an Paläo-Seesedimenten aus zwei Kratern des Tibesti-Gebirges liefern Multiproxy-Daten um (1) den chronologischen Rahmen für Schlüsselperioden mit überregional ausgeprägten ökologischen Umbrüchen zu bestimmen sowie ihr Ausmaß und ihre Bedeutung zu erfassen und zu datieren; (2) das ökologische Potenzial des Gebirges und der Oasen als natürliche Refugialräume und menschliche Rückzugsräume zu bewerten. Die Darstellung wichtiger Klimaereignisse und des damit einhergehenden paläoökolgischen Wandels im nördlichen Afrika trägt zum Grundverständnis der Wechselbeziehungen zwischen Klima, Umwelt und Gesellschaft für die zentrale Sahara bei.

 

Routes of Interaction: Überregionale Kontakte zwischen dem nördlichen Horn von Afrika und dem Niltal (Antragsteller*innen Gerlach, Iris ;  Raue, Dietrich ;  Schütt, Brigitta )

Ziel des Projektes ist es, verschiedene Mobilitätsformen und Interaktionsrouten der Hochlandkulturen des nördlichen Horns von Afrika zum Mittleren Nil, dem nordostsudanesischen Gash-Delta sowie Teilbereichen Ägyptens zu untersuchen. Dabei gilt es zu klären, inwieweit der innerafrikanische Austausch von Menschen, Ideen und Objekten zur Entwicklung der äthiopischen Hochlandkulturen beitrug und gleichzeitig, welchen Einfluss das Hochland auf das sudanesisch-ägyptische Niltal und das Gash-Delta besaß. Der chronologische Rahmen reicht vom 2. bis zum frühen 1. Jt. v. Chr. Dabei handelt es sich um einen Zeitraum, in dem überregionale innerafrikanische Kontakte zwischen diesen Regionen über verschiedene archäologische Materialgattungen und sudanesisch-ägyptische Schriftquellen nachgewiesen werden können. Zudem schließt er den Beginn der Formierung komplexer Gesellschaften am nördlichen Horn von Afrika ein. Ein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Rekonstruktion der Siedlungsmuster und Verbindungswege innerhalb des äthiopischen Hochlands sowie zu den nördlich und östlich anschließenden Gebieten bis zum Roten Meer (Eritrea). Die Frage, warum Siedlungen an dem Platz gegründet wurden, an dem sie liegen, kann dabei nicht allein mit archäologischen Methoden beantwortet werden, sondern erfordert die Einbeziehung der physischen Geographie und der Landschaftsarchäologie. Eine Auswertung der verschiedenen Themenstellungen erfolgt daher unter vergleichender archäologischer, historischer und geographischer Perspektive. Auf der Grundlage von Least-Cost-Path Analysen, dem Vorkommen natürlicher Ressourcen und in Kenntnis der Paläo-Umweltbedingungen sowie unter Berücksichtigung historischer Reiseberichte wird die Lage antiker Fundplätze in ihrem Verhältnis zu Interaktionsrouten erforscht. Die überregionalen Zusammenhänge werden zum einen durch klassische Materialstudien (vorwiegend Keramik und Obsidianartefakte) sowie durch naturwissenschaftliche Analysen des metallurgischen und paläozoologischen Fundgutes sichtbar gemacht. Das Ziel ist, die noch bis in die Moderne bestehenden Migrationsbewegungen und Warenströme in ihrer diachronen Perspektive zu erfassen und die Verflechtung stark gegensätzlicher Großräume als ein Phänomen innerafrikanischer Kulturentwicklung zu betrachten.

 

 

KlimZellMit – Klimadynamik im Spät-Holozän rekonstruiert mit Hilfe von Zellstrukturmessungen an Wacholderbäumen im östlichen Mittelmeerraum (Antragsteller Heinrich, Ingo )

Große Teile des heutigen Afrikas sind stark von globalen und ökologischen Veränderungen betroffen, was bereits existierende gesellschaftliche Probleme direkt mit sich bringt oder verschlimmert. Da der Kontinent in der Vergangenheit ähnliche Veränderungen durchlaufen hat, ist es wichtig, die regionale vergangene Klimadynamik genauer zu verstehen, da angenommen wird, dass Umweltveränderungen bei der Beeinflussung gesellschaftlicher Veränderungen eine bedeutende Rolle spielten. Zuverlässigere regionale Klimarekonstruktionen können bei Untersuchungen gesellschaftlicher Transformationsprozesse  und Vernetzungsmechanismen in Afrika wertvolle Hintergrundinformationen liefern. Weltweit wurden bereits viele Klimarekonstruktionen, die auf Jahrringbreitenmessungen basieren, erfolgreich durchgeführt. Wegen undeutlicher, doppelter, fehlender oder auskeilender Jahrringgrenzen hingegen ist die Afrikanische Dendrochronologie oft schwierig. In einigen Fällen wurden Jahrringe als genau datierte hochauflösende Klimaproxies verwendet. Langzeitrekonstruktionen von Bäumen, die in Afrika nördlich des Äquators wachsen, sind hingegen sehr selten, was unserer Meinung nach eine entscheidende Lücke in der paläoklimatischen Datenbank darstellt. Die Zukunftsaussichten für lange Jahrringaufzeichnungen in Afrika nördlich des Äquators sind aber aufgrund der sehr begrenzten Waldfläche eher negativ. Dendroarchäologisch datierbares Holz aus afrikanischen Bäumen ist sehr selten, aber dendroarchäologisch Holz (Zeder, Wacholder und Zypresse), das aus der Türkei importiert wird, ist dagegen relativ häufig. Für dendroklimatologische Zwecke wird der aus dem Taurusgebirge im Hinterland der Südküste der Türkei importierte Wacholder als die vielversprechendste Art Nordafrikas angesehen. Das Hauptziel des Projekts ist die Kombination von Wacholderholz aus lebenden Bäumen und archäologischen Stätten und die erstmalige Etablierung einer langen Rekonstruktion im Mittelmeer bis 3000 v.Chr. Dafür soll eine neu entwickelte Methode der konfokalen Laser-Scanning-Mikroskopie zur Anwendung kommen, um Zellstrukturen von Baumringen zu messen. Die resultierenden Zellstruktur-Chronologien werden in mehrere Klassen unterteilt, die jeweils nur einen Teil der Zellreihen pro Jahr repräsentieren. Die resultierenden Sub-Chronologien repräsentieren saisonale Zellwachstumsmuster. Solche Sub-Chronologien werden mit saisonalen Klimadaten korreliert und so schließlich zusätzliche saisonale Klimainformationen abgeleitet. Nachfolgende Analysen werden Beziehungen zu den atmosphärischen und ozeanischen Modi der Klimavariabilität (z.B. ENSO, NAO und Monsun) im östlichen Mittelmeerraum und Nordostafrika analysieren, die Auswirkungen vergangener Vulkanausbrüche untersuchen und mögliche Klimaeffekte auf menschliche Gesellschaften in der Region identifizieren.

 

 

Erfassen und verknüpfen: Datenmanagement als Basis zur nachhaltigen Nutzung von Forschungsdaten (Antragsteller Eide, Øyvind; Lenssen-Erz, Tilman )

Das geplante Schwerpunktprogramm SPP 2143 “Entangled Africa” wird als Verbund zahlreicher Projekte sehr reichhaltige und vielgestaltige Daten generieren, die Informationen für gemeinsame Fragestellungen der Projekte enthalten. Diese Daten sollen, ungeachtet ihrer Formate und Fachzugehörigkeit, zentral gesammelt und zugänglich gemacht werden. Dies soll im Projekt “Erfassen und verknüpfen” geschehen, das sich als Service-Projekt versteht und somit für alle anderen Projekte des SPP das Datenmanagement und die Langzeitarchivierung der Forschungsdaten organisiert, gestaltet und realisiert. Die Machbarkeit dieses umfassenden Anspruchs ist dadurch abgesichert, dass “Erfassen und verknüpfen” auf das gut eingeführte African Archaeology Archive Cologne (AAArC) bauen kann, das über seine Einbettung in Arachne Bestandteil der iDAI-Welt ist. Zur Handhabung besonders komplexer und wenig standardisierter Digitalisate hat AAArC eine Kooperation mit IANUS, dem Forschungsdatenportal des DAI, etabliert. Um beginnen zu können bedarf und plant das Projekt keine grundsätzlichen Neuentwicklungen, da bereits zehntausende Digitalisate über diese Plattform archiviert wurden. Mit den hier geschaffenen Vorgaben sollen, nach vorherigen Rücksprachen mit den beteiligten Projekten, verbindliche Protokolle zur Datenkuratierung festgelegt werden, durch die Metadateninhalte sowie beispielsweise chronologische und geografische Begriffe vereinheitlicht werden. Angesichts dieser komplexen Anforderung wird es in dem Projekt “Erfassen und verknüpfen” eine Aufgabenteilung von Archäologie und Digital Humanities geben. Die Stelle der Archäologin legt ihren Schwerpunkt auf die Koordination und Kommunikation mit allen Gliedern des Forschungsverbundes, während es in der Verantwortung der Digital Humanities liegt, unterschiedliche Aspekte von Archäologie und Informationsverarbeitung des kulturellen Erbes zu bedienen wie die vorhandenen Systeme und Plattform-Verknüpfungen operabel zu halten und ggf. zu optimieren, Datenimport und -kuratierung sowie die Langzeitverfügbarkeit der Forschungsdaten zu garantieren. Auch hier gilt, dass alle Arbeiten grundsätzlich einen projektübergreifenden Anspruch haben und notwendig aus der Kooperation mit allen Mitgliedern des SPP hervorgehen.

 

Lehnwörter und Tauschobjekte: Archäo-linguistische Netzwerkanalyse und -modellierung der kulturellen Verflechtungen entlang des Nigers, zwischen Sahara und Regenwald (700-1500 n.Chr.) (Antragsteller Schreiber, Henning )

Die Bevölkerungsstruktur am unteren Mittellauf des Nigers, flussabwärts von Gao, zeichnet sich durch eine enorme Diversität aus. In der Region vom nördlichen Mali bis zum Kainji Damm in Nigeria werden Sprachen aus insgesamt drei Sprachphylen von einer Zahl an unterschiedlichen ethnolinguistischen Gruppen gesprochen. Was sind die historischen Ursachen? Obgleich die historischen Quellen Hinweise auf die Bedeutung früher Königreiche (Kawkaw, Kanem-Bornu, Songhai, Hausa, Oyo) geben, die oralen Traditionen von Migrationsbewegungen berichten und die archäologische die Stellung des Handels belegen, bleiben die kulturellen Dynamiken und die Entstehung der Bevölkerungsstruktur weitestgehend unbekannt. Allerdings lassen die existierenden Daten und Quellen erwarten, dass diese Region eine besondere historische Bedeutung für die politische und ökonomische Entwicklung großer Teile Westafrikas hatte. Nach unserer Auffassung besaß der Niger eine besondere Funktion, als Korridor für Austausch aller Art und als Verbindung zwischen den Rändern der Sahara und dem Regenwald. Dies ermöglichte und verursachte die gegenseitige Beeinflussung kultureller Prozesse, führte zu neuen Sprachen, neuen Identitäten und neuen materiellen Formen. Im Lauf der Zeit führte dies schließlich zu der komplexen ethnolinguistischen Situation, wie wir sie heute vorfinden. In diesem Forschungsprojekt sollen die historischen Prozesse und Verbindungen, die vermutlich bereits in der Zeit vor 1500 zu Kulturkontakt und Interaktion geführt haben. Die Fragestellung soll hierbei aus einer gemeinsamen Perspektive von Historischer Linguistik und Archäologie in den Blick genommen werden. In unserem Ansatz werden wir über die dynamische Netzwerkanalyse, historische regionale Interaktion in einem Netzwerkmodell analysieren. Hierbei stützen wir uns auf neuere Entwicklungen der historischen Lehnwortforschung und entwickeln neue Möglichkeiten der Kooperation von Historischer Linguistik und Archäologie.

 

 

Mittel- bis spätholozäne Biotopgrenzen, Siedlungslimits und Verbindungskorrridore im Inneren Kongobecken: Archäologie und Paläoökologie (Antragsteller Wotzka, Hans-Peter )

Wann und unter welchen Bedingungen begannen Nahrungsproduzenten erstmals auf breiter Front mit der Besiedlung der innertropischen Regenwälder? Ihr kulturelles Erbe und anhaltende Verflechtungen mit den Herkunftsräumen im weiteren tropischen Afrika prägten die Genese und spätere Intensivierungen überregionaler sozialer, technologischer und ökologischer Interdependenzen von der Früheisenzeit ab ca. 400 v. Chr. bis zur europäischen Kolonialzeit nach AD 1850. Linguistische und genetische Studien an heutigen afrikanischen Bevölkerungen legen nahe, dass die äquatoriale Regenwaldzone von weit Teilgruppen einer größeren Ursprungsbevölkerung getragen wurden, die frühe Bantusprachen mitbrachten und mit der Landwirtschaft vertraut waren. Bislang ist die Regenwald-Archäologie jedoch weit davon entfernt, auch nur die Hauptausbreitungswege, geschweige denn Details der Subsistenzsysteme und Mobilitätsmuster dieser Pioniersiedler zu erkennen. Nicht minder unzureichend sind die wenigen verfügbaren paläoökologischen Datensätze aus den tropischen Regenwäldern: Prozesse der Waldfragmentierung und -regeneration als Folge von Klimaschwankungen auf Millennium-Zeitskalen sind bisher ebenso schwer näher zu fassen wie Chronologie und Intensität vom Menschen verursachter Störungen der Waldvegetation im mittleren und späten Holozän. Mit Blick auf Besiedlungs- und Ökogrenzen sollen zwei Grundfragen zu jenen Prozessen bearbeitet werden, durch die das Innere Kongobecken Zentralafrikas in kulturelle und ökologische Wandelsprozesse der weiteren afrikanischen Tropen verwickelt wurde: 1. Wann entstanden und wo lagen die Grenzen zwischen den Kulturen der ersten sesshaften und nahrungsproduzierenden Immigranten? 2. In welchem zeitlichen und kausalen Verhältnis zur menschlichen Besiedlungsgeschichte stehen die erkennbaren Prozesse des holozänen Vegetationswandels? Beantragt werden Mittel für die Ausführung und Auswertung dreier jeweils achtwöchiger Geländekampagnen in der Demokratischen Republik Kongo. Zwei Abschnitte des Kongostroms, der eine zwischen Mbandaka und Kinshasa, der andere zwischen Mbandaka und der Itimbiri-Mündung, sollen im Rahmen archäologischer Surveys per motorisiertem Einbaum, kleinflächiger Ausgrabungen und Pollenbohrungen erforscht werden. Damit sind zugleich geographische Lückenschlüsse zwischen bisherigen Untersuchungsgebieten in der Äquatorzone einerseits und dem unteren Kongo (verschiedene belgische Unternehmungen) sowie dem oberen Kongobogen andererseits (Projekt des Königlichen Museums für Zentralafrika, Tervuren, Belgien) angestrebt. Neue Daten zur Kultur-, Vegetations- und Klimageschichte sollen die Bedingungen, Abläufe und Wege sowie die bis heute anhaltenden Konsequenzen jener Prozesse erhellen, die das Innere Kongobecken bei aller Besonderheit und scheinbaren Isolation seit Beginn der Eisenzeit mit seiner unbewaldeten Nachbarschaft verknüpft haben.